Das Eismeer – Record Release

Di 27.10. – Beginn: 21:00 Uhr – Eintritt: mindestens 10 €

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Record Release von Das Eismeer im Schlot

Paul Peuker (g), Marius Moritz (p), Leon Griese (dr)

Instant Composing

Gemeinsam atmen
Die Musik des Trios „Das Eismeer“ hat etwas schwebend Mildes und Entschleunigtes. Sie klingt melancholisch nordisch und nach Weite. Doch wie es schon der treffende Bandname anzeigt, kann sie auch schroff das Tempo der ausgewogenen Ereignisse anziehen. Es ist, als würde sich eine innere Leinwand mehr und mehr mit den bewussten Bildern im Kopf entfalten. Insofern ist das eine Art musikalischer Impressionismus, ausgewogen, leise und doch nachdrücklich. Es zählt der Gruppenklang und nicht das solistische Lospreschen des Einzelnen. Je länger man hört und sich bewusst einlässt auf dieses gleichberechtigte Musizieren, umso mehr an Tiefenschärfe gewinnen diese Klänge.
Ihre markante Soundästhetik beruht auf einem einfühlsamen Zusammenspiel, bei dem jeder dem anderen zuhört und darauf reagiert. Man möchte nicht glauben, dass dieses austarierte Interagieren komplett dem Prinzip Improvisation folgt. Alles entsteht im Moment. Es gibt keine zugrunde liegenden Kompositionen, keine Proben, keine Vorgaben. Was zählt, ist das Jetzt, in dem man sich trifft. Der Hörer ist als Zeuge eines Entstehungsprozesses eingeladen wie zu gemeinsamem Atmen, zu kollektiver Meditation. Alles behält mit seinen Auf- und Abschwüngen Spannung und Elastizität. Es ist schön, ohne glatt zu sein. Und manchmal werden auf diese Weise richtige Songs erimprovisiert. Ob das Jazz, Rock oder Pop ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass es nicht in Routine erstarrt. Wie zu einem gemeinsamen Organismus ist das gewachsen, der seine magischen Ideen entwickelt und perfektioniert.

Dabei behält diese Kunst ihr Geheimnis. Wenn sie verklungen ist, ist man nicht fertig mit ihr. Bei jedem Hören ersteht sie neu und anders. „Das Eismeer“ ist dezidiert eine Live-Band, deswegen präsentiert ihre zweite CD „Live im Sowieso Neukölln“ einen Konzertmitschnitt, der im Februar 2020 am idealen Ort aufgenommen wurde. Publikum und Künstler sind nah beieinander, räumlich und mit ihren Gedanken in einer Location, die fern von Hochglanz und aufgesetzt trendiger Oberfläche anmutet wie ein altes, verfallenes Theater, wie ein urbaner Untergrund, wo die Ideen wachsen, für die jeder die gleiche Verantwortung hat, weil sie genau hier entstehen und sich dabei nicht mit Versatzstücken von sonst woher rückversichern.

Gitarrist Paul Peuker liebt solches Konzeptdenken neben dem Mainstream. Mit seiner Band Peuker8 hat er das auf das erweiterte Format Jazzquintett plus Streichertrio übertragen und gilt seither als eine der originellsten Stimmen des jungen deutschen Jazz. Nie gibt er sich mit simplen Lösungen zufrieden. Ihm geht es um das Finden seiner Mitte zwischen schön und schräg, um das Schaffen einer tragfähigen Umgebung, in der spontane Ideen zum Leuchten gebracht werden können. Den Pianisten Marius Moritz und den Schlagzeuger Leon Griese kennt er vom Studium in Dresden. Jeder von ihnen hat seither in diversen Konstellationen auf sich aufmerksam gemacht. Immer wieder haben sich die drei getroffen. Moritz hat in seinem Spiel etwas dunkel Geheimnisvolles, durch das auch die Beschäftigung mit klassischen Komponisten schimmert. Griese ist ein umtriebiger und konsequenter Drummer, der von Bigband bis Rock die jeweilige Sache konsequent befeuert, indem er sie mit Klangreichtum auflädt und rhythmisiert. In seinen Babybazaar Tempelhof lädt er regelmäßig Musiker ein, um mit ihnen aus dem Moment heraus Musik zu erschaffen.
Zu so einer spontanen Kommunikation traf sich 2017 dieses Trio, und es funkte sofort. Schon ihren ersten Auftritt veröffentlichten sie auf Bandcamp. Seither haben ihre Begegnungen diesen spontanen Jam-Charakter behalten. Auch wenn man an die Ästhetik des Münchner Labels ECM denken könnte beim Hören dieser betörenden Musik, wird man schwer Vergleiche finden für diese schlagzeuggrundierte intime Verwobenheit von Gitarre und Piano. Warum auch!? Paul Peuker, Marius Moritz und Leon Griese haben ihren eigenen Stil gefunden, den sie verfeinern und auf erstaunlicher Höhe fortschreiben.
Ulrich Steinmetzger


 

© Dovile Sermokas